Kapuziner Österreich-Südtirol

Fidelispredigt 2017 in Feldkirch

Jedes Jahr feiert Feldkirch das große Fest "seines" Heiligen, des heiligen Kapuziners Fidelis von Sigmaringen. Heuer im Jubiläumsjahr der Reformation war Br. Karl Löster, Guardian von Salzburg der Festprediger. Seine Predigt ist hier nachzulesen.

 



Fidelisfest Feldkirch 2017 - Predigt von Br. Karl Löster

Dieses Jahr ist geprägt vom Rückblick auf 500 Jahre Reformation. In diesem „Lutherjahr“ schauen wir Christen – auch am Gedenktag des heiligen Fidelis – beschämt auf das, was wir uns an Leid und Verletzungen angetan haben.

Wenn wir an diesem Fidelisfest Verbindendes und Gemeinsames für die verschiedenen Konfessionen entdecken wollen, lohnt es sich ein Blick zu werfen auf den Reformator Martin Luther und den Mann, auf den der Reformorden des Kapuziners Fidelis zurückgeht: Franziskus von Assisi.

Was verbindet die beiden?

Luther –das muss so gesagt werden - verachtete die Franziskaner, aber er mochte und schätzte Franziskus, denn dieser Arme von Assisi war für ihn ein Mensch, der das Evangelium beispielhaft konkret lebte.

 Es gilt: Wo Gott und sein Wort Dreh- und Angelpunkt im Leben eines Menschen sind, da entsteht ein geistiger Freiraum, der einen Austausch über Glaubensfragen möglich macht.

 Das Wort Gottes kann ja an den Menschen sehr persönlich ergehen als Wort der Berufung. Ein Wort, das den Menschen zu Herzen geht und sein Leben umkrempelt, Ein Wort mit dem Emmaus-Effekt: „Brannte uns nicht das Herz…“

 Für Franziskus ist es das Wort, das ihm Jesus vom Kreuz im zerfallenden Damianokapellchen zuspricht: „Franziskus geh hin und stelle mein Haus wieder her, das wie du siehst ganz zerfallen ist.“ -  Und Franziskus packt an, Stein für Stein, baut er das Kirchlein wieder auf.

Das war ein erstes und sichtbares Tun für das, was die eigentliche Berufung des Franziskus war: Ganz bezogen auf den Jesus, in dem sich für ihn der große Gott, ganz klein, arm und machtlos gemacht hat, sollte er die große, reiche, mächtige, römische Kirche, und damit von Jesus abfallen-de und zerfallende Kirche wieder aufzubauen.

Diese Jesus-Bezogenheit war sein Baustein für den Wiederaufbau der Jesus-Kirche:  konkret durch ein Leben in Armut und in Einsatz für die Menschen und Gottes ganze Schöpfung.

 

„Stelle mein Haus wieder her!“ mit diesem Berufungswort des Franziskus lässt sich auch das persönliche Herzensanliegen Luthers umschreiben.  Auch er erlebt ja den Verfall der Kirche schmerzlich. Ablasshandel: da wird mit Gottes Gnade und  Barmherzigkeit schnödes Geld gemacht.

Ihn treibt die Frage um „Wie bekommen ich einen gnädigen Gott?“ Und die Antwort, die er findet, heißt für ihn durch Buße. Er ruft zu einem Leben der Umkehr auf, ein persönliches Hinkehren zu einem barmherzigen, gerechten Gott. 

So lautet denn auch die erste seiner 95 Thesen: Unser Herr und Meister Jesus Christus hat mit seinem Wort „Tuet Buße…!“ gewollt, dass das ganze Leben der Menschen eine Buße sei.“

 

So benutzen Franziskus und Luther aus ihrer Jesusbezogenheit heraus für das gleiche Anliegen, die zerfallende Kirche wieder aufzubauen, dieselben Bausteine und Werkzeuge – jedoch in unterschiedlicher Weise.

Um es auf eine bildliche Kurzformel zu bringen: Es geht darum, den Hammer zu nehmen und Gottes Werkzeug zu werden.

Beide nehmen den Hammer: Bruder Franz für den Wiederaufbau des kleinen Kirchleins. Br. Martin nimmt den Hammer um seine Thesen an die Eingangstür der Schloss-kirche anzuschlagen. Franziskus ist Gottes Werkzeug durch sein Leben in Armut. Luther durch seinen Aufruf zu Buße und ein Leben in der Hinkehr zu Gott. Das Fundament aber auf dem sie selbst aufbauen ist ein grenzenloses Vertrauen, das Gott selbst alles trägt und zusammenhält.

 

Wer den Weg der Armut und der Hinkehr zu Gott radikal und rückhaltlos allein im Vertrauen auf Gott gehen will, muss sich wohl auch von anderen tragenden Beziehungen lösen. Franziskus drückt das durch eine Zeichenhandlung aus, mit der er sich von allen Absicherungen durch seinen reichen Vater löst: Er zieht sich aus. Vor den Augen des Bischofs und einer großen Menge Zuschauer zieht er sich nackt aus und entsagt seinem Erbe, mit den Worten an seinen Vater „Weder Geld noch Kleider will ich von dir, von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel! So verabschiedete er sich von Herkunft und Gesellschaft.

 

Bei Luther gibt es eine Zeichenhandlung einer Entblößung nicht. Seinen Weg der Umkehr, radikal und rückhaltlos im Vertrauen auf Gott zu gehen, spiegelt sich in seiner Recht-fertigungslehre wider. Sein Sich-Ausziehen-vor-Gott,    gründete sich auf die Verheißung, dass Gott seine Gnade ohne Vorbehalt dem Menschen schenkt. Durch die Er-kenntnis der eigenen Unfähigkeit zum Guten, geschieht auch ein Ausziehen eine Art der Entblößung durch das Ablegen jeder Werkgerechtigkeit.

Der Mensch kann sich aber entscheiden, für die Gnade Gottes hellhörig zu werden, und seine Unfähigkeit zu bekennen – sich in diesem Sinn vor Gott auszuziehen und der Gnadenzusage Gottes zu vertrauen, die nicht durch Werke zu erwirtschaften ist.

 

Bei Franziskus und bei Luther erscheint der Christ ganz angewiesen zu sein auf das fürsorgende Handeln Gottes. 

Da haben wir wieder einen Baustein und ein Werkzeug der beiden, die zerfallende Kirche wieder aufzubauen. Ich möchte dafür wieder eine Kurzformel einbringen: Sich ausziehen, um sich von Gott anziehen zu lassen.

Ein weiterer solcher Baustein, der Franziskus und Luther verbindet,   ist die klare und eindeutige Ausrichtung der beiden auf Christus. Dafür kann nun für beide das Lutherwort „Solus Christus“ stehen: Christus allein. Das ganze Innere der beiden Männer war ausgerichtet auf Christus allein.

Franziskus macht mehrfach deutlich, dass es sein Ziel al-lein ist, Christus in seiner Armut nachzufolgen. Dabei geht es ihm darum, dem Christus am Kreuz ähnlich zu werden. Von ihm wird er in der Stunde seiner Berufung angesprochen, und die Wundmale Jesu, die Franziskus gegensein Lebensende erhielt, künden von seiner besonderen Christusbeziehung. Die Gleichförmigkeit mit Christus war für Franziskus der Maßstab seines Lebens. Ihm nachzufolgen in seiner Armut und in seinem Leiden, aber auch ebenso in seiner Zuwendung zu den Menschen war der Herzens-wunsch des Franziskus.

Dieses menschliche Verhalten in der Nachfolge Jesu ist der Bereich, in der Luther mit Franziskus einig geht. Luther klammert freilich aus, was in die Richtung geht, Franziskus zu einen zweiten Christus zu machen. Solches An-sinnen der Franziskaner „würden Christum“ und sein Reich verfinstern, sagt er.

Für Luther weist die Kurzformel „Christus allein“ darauf hin, dass der Bruder und Herr der Menschen, Christus, allein umfassend für alle Menschen gehandelt habe. Er al-lein ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg-nehmen kann. – Und dieses erlösende Handeln galt und gilt für alle Menschen. Da kommt also eine neue Beziehung zwischen Gott und den Menschen ins Spiel. Der Mensch darf und kann mit der Freiheit eines Christenmenschen Gott ohne Mittler - sozusagen auch nackt – gegenübertreten. Der gekreuzigte Christus wird zum Grund der Erlösung für alle.

Diesen Sohn Gottes als Mensch und als Gott stellt Luther uneingeschränkt in den Mittelpunkt. Christus allein.

 

Mit diesem Baustein, ja mit diesem Eckstein, kann das Haus des Glaubens fest stehen, weil durch das Sterben und Auferstehen Jesu alle Menschen ein für alle Mal – so Luther - erlöst worden seien.

Diesen Baustein, dieses Werkzeug der beiden, die Kirche wieder aufzubauen, möchte ich auf die Kurzformel bringen: Sich ganz auf Christus ausrichten und den Menschen seine befreiende Botschaft in Wort und Tat aus-richten.

Von diesen drei Kurzformeln her können wir nun auf Fidelis schauen, der in seiner Zeit auf seine Art, die in Ihrer Einheit zerfallende Kirche wieder aufbauen wollte.

Man kann wohl sagen, auch Fidelis war in seinem Denken und Tun ganz auf Christus ausgerichtet und hat mit Wort und Tat seine Botschaft den Menschen ausgerichtet:

Christus ist der eine und einzige Mittelpunkt, um den sich alles drehen muss, damit aus Spaltung wieder Einheit entstehen kann. Bis zum Augenblick seines Todes richtet Fidelis den Menschen diese Botschaft aus. So beginnt er die letzte Predigt seines Lebens in der Kirche von Seewies mit den Worten: „Es gibt für Euch nur einen Herrn, nur einen Glauben, nur eine Taufe. Der eine Gott steht über allen. Er wirkt durch alle und in allen. - Mitten in seiner Predigt beginnt der Tumult, in dem er zu Tode kommt.

 

Schauen wir auf Fidelis von der Kurzformel her: Sich aus-ziehen, um sich von Gott anziehen lassen. Da sehen wir den jungen Dr. Markus Roy, der seine Gewissensnot offen legt, als einer, der als „Advokat der Armen“ gilt soll er bei schnöden Rechtsbeugungen mitzumachen. Das geht gar nicht!

Er zieht den Talar des Rechtsanwaltes aus, um sich ganz von Christus anziehen zu lassen. Um ganz in die Nachfolge Jesus einzutreten, lässt er sich mit dem Habit des Kapuzinerordens einkleiden, um bei der katholischen Erneuerungsbewegung, für die dieser Orden steht, mitzumachen.

 

Bekannt ist sein Wort: „Hätte ich einen noch härteren Orden gefunden, worin ich in vollkommener Weise Gott dienen und das Seelenheil des Nächsten hätte fördern können, wäre ich in denselben eingetreten“:

Den Hammer nehmen und Gottes Werkzeug werden. Auch mit dieser Kurzformel, die Baustein und Werkzeug umschreibt, mit der Franziskus und Luther, ganz im Vertrauen auf Gott, der alles trägt und zusammenhält, können wir auf die Art und Weise schauen, mit der Fidelis zu seiner Zeit die zerfallenden Kirche wieder aufbauen möchte:

 

Es gibt ja die Redensart „Das ist der Hammer!“ Sie steht für etwas, was sensationell oder unglaublich ist. Sie wird gebraucht für angenehme und unangenehme Ereignisse.

 

Für viele Ereignisse im Leben des hl. Fidelis wird man das Wort so oder so anwenden können: Das ist der Hammer, das aus einem so reich begabten Mann ein armer Kapuziner wird! Oder: Das ist der Hammer, wie sich der tiefgläubige, Kapuziner vom damaligen politischen System ein-spannen ließ; Aus dem menschenfreundlichen frommen Mann wurde der konsequente Glaubenskämpfer, der als religiöser Repräsentant der politischen Macht auftrat und so an der Spirale, in der Gewalt Gegengewalt erzeugt, mit-wirkte.

 

Das ist der Hammer: Die zwei Seiten eines sperrigen Menschen. Irgendwie wurde er selbst zum „Hammer Gottes“.

Jemand hat geschrieben: Fidelis wollte in seiner Zeit alles richtigmachen. Heute sehen wir die Dinge mit anderen Augen - und wir müssen den Blick darauf wenden, was heute dran ist.“

Wir erleben heute auf eine neue Art den Zerfall der Kirche. Es ist Zeit, eine vielleicht ganz neue Art zu finden, die Kirche,  ihre Einheit neu aufzubauen.

Die Bausteine und Werkzeuge, die uns Franz von Assisi, Martin Luther und Fidelis von Sigmaringen und in ihrem jeweiligen Umfeld und Gefolge  viele, viele Bauleute uns in die Hand gegeben  haben, können dabei helfen:

 

Den Hammer nehmen und Gottes Werkzeug werden.

Sich ausziehen, um sich von Christus anziehen zu lassen.

Sich ganz auf Christus ausrichten und den Menschen seine befreiende Botschaft ausrichten.

 

Wenn uns das gut gelingt – das wäre der ökumenische Hammer!

 

Literaturhinweis: Nicole Grochowina, Franziskus und Luther; Freunde über die Zeiten, Würzburg 2017

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