Kapuziner Österreich-Südtirol

17.11.2016 - Armes reiches Erbe

Mit dem modernsten Beichtstuhl Wiens, der unerwarteten Entdeckung wertvoller Stuckvergoldungen und im Rahmen eines 800-Jahr Jubiläums wird die Wiener Kapuzinerkirche nach der Sanierung wieder eröffnet. 

 

„Menschen sollen sich hier willkommen fühlen!“, so Br. Lech Siebert, Provinzial (Ordensoberer) der Kapuzinerprovinz Österreich-Südtirols über die frisch sanierte Kapuzinerkirche. „In unserer Kirche soll spürbar sein, dass Gottes Barmherzigkeit allen gilt.“ Am 20. November um 16:00 Uhr wird der Abschluss der Generalsanierung gefeiert: Einen Tag vor dem 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph und am letzten Tag des von Papst Franziskus ausgerufenen Jahres der Barmherzigkeit. Gefeiert wird auch das 800. Jubiläum des sogenannten „Portiunkula-Ablasses“ und nicht zuletzt der modernste Beichtstuhl Wiens, mit dem die Kapuziner als Gesprächsraum auch kirchlich weniger gebundene Menschen ansprechen möchten.

Dabei könnte die unerwartete und aufsehenerregende Entdeckung vergessener Goldschichten im Stuckwerk der „Kaiserkapelle“ beinahe untergehen. Aber nur beinahe: Diese Entdeckung zeigt, dass diese in der Kirche befindliche Kapelle viel wertvoller ist als bisher angenommen. So verbinden sich in dieser nahezu 400 Jahre alten Kirche auf einmalige Weise Gegenwart mit Geschichte und das arme reiche Erbe von Kapuzinern und Habsburgern.

 

„Betet für mich und für mein Österreich“

Diese Aussage wird Kaiserin Anna, der Stifterin der Kapuzinergruft, im Jahr 1617/18 zugeschrieben. Seit 380 Jahren ist die an Kirche und Kloster angeschlossene Kapuzinergruft als Begräbnisstätte der Habsburger untrennbar mit Österreichs Geschichte verbunden. Die Kapuziner waren von Anfang an „Hüter“ dieser Begräbnisstätte. Mit der Kaiserkapelle reicht die Gruft gewissermaßen bis in die Kapuzinerkirche hinein. Diese reich ausgestattete Kapelle inmitten der bescheidenen Kapuzinerkirche steht sinnbildlich für eine Grundaufgabe des Ordens: Seit jeher waren Kapuziner seelsorgliche Begleiter von Arm und Reich gleichermaßen. Dieses Anliegen findet in der renovierten Kirche vielfältigen Ausdruck.

 

Aus dem Beichtstuhl wird ein Raum der Begegnung

Neu in der Kirche ist unter anderem auch der modernste Beichtstuhl Wiens: ein Aussprachezimmer der besonderen Art, das nicht nur zum Beichten, sondern auch als „Raum der Begegnung“ genutzt werden soll. „Die Menschen sollen in Kirche und Beichtraum Kapuzinern begegnen können“, fasst Br. Karl-Martin Gort das wichtigste Anliegen zusammen. Br. Karl-Martin ist Stellvertreter des Hausoberen und hat für die Wiener Brüder den Umbau geleitet. „Menschen, die der Kirche fernstehen, sollen unsere Kirche als Ort der Ruhe erleben können. Menschliche Ansprache ist für jeden wichtig.“ Bis zu 6.000 Beichten im Jahr zählten die Wiener Kapuziner zuletzt. Seit jeher sind Kapuziner dafür bekannt, dass sie nahe bei den Menschen sind. Viele bekannte Beichtväter stammen aus ihren Reihen. Papst Franziskus hat im Jahr der Barmherzigkeit daher besonders Kapuziner angesprochen und am 9. Februar in Rom eigens eine Messe mit 1200 Kapuzinerbrüdern aus aller Welt gefeiert, darunter neun aus der Kapuzinerprovinz Österreich-Südtirol. Der letzte Tag des Jahres der Barmherzigkeit ist auch gleichzeitig der Tag, an dem die sanierte Kirche eröffnet wird.

 

800 Jahre Portiunkula-Ablass: Vergebung für Arm und Reich

Allen Menschen ohne Unterschied Gottes Barmherzigkeit zugänglich zu machen, war Motivation für Franz von Assisi, den Ordensgründer der Kapuziner, von Papst Honorius III. 1216 den Portiunkula-Ablass zu erwirken. Am 2. August 2016 feierte diese spezielle Form der Sündenvergebung das 800. Jubiläum. Dieser Ablass ist ein wiederkehrendes Bildmotiv in der Kapuzinerkirche, aber nicht nur: Der Portiunkula-Ablass kann speziell in Kirchen der franziskanischen Orden (Kapuziner, Minoriten, Franziskaner) gewonnen werden.

 

Dass man das Liederbuch wieder lesen kann...

„Kapuzinerkirchen sind bescheidene Kirchen!“, erklärt Architekt Thomas Tschemer, der mit der Sanierung beauftragt wurde. „Das ist auch ein Grund, weshalb die dominierenden Materialien Holz, gekalktes Mauerwerk und Stein sind. Diesen Anspruch auf Bescheidenheit haben wir auf die heutige Zeit übertragen: Günstige Baustoffe sind heute ebenso Stahl, der im neuen Eingangsbereich zu finden ist.“ Dem entspricht auch das Herzstück der Sanierung, der neue Beichtraum.

Gleichzeitig wurden Ansprüche der heutigen Zeit berücksichtigt. So wurden die Bankheizung, eine induktive Höranlage und die Beleuchtung erneuert. „Damit man das Liederbuch auch wieder lesen kann“, schmunzelt Br. Lech. „Und einige weitere Arbeiten waren ohnehin längst überfällig, wie die Erneuerung der Elektroinstallation oder etwa die vollständige Neueindeckung des Daches.“

 

Vergessene Werte im Stuck

Die große Überraschung brachte die Sanierung der Kaiserkapelle: Unter zahlreichen Schichten von Mauerfarbe wurden alte Vergoldungen gefunden, die dem Stand vor mindestens 200 Jahren entsprechen. Nach den Vorgaben des Denkmalamtes wurde der Stuck in Rekordzeit von den Übermalungen befreit und neu vergoldet. Gesamtkosten für das Bauprojekt sind 2,3 Millionen Euro. „Das ist eine große Belastung!“, bestätigt Provinzial Br. Lech Siebert. Aufgrund der Dringlichkeit musste im Frühjahr mit der Sanierung begonnen werden, zudem tauchten während der Arbeiten einige unerwartete Mehrkosten wie die Kapelle auf. „Alle Kapuziner-Gemeinschaften in Österreich und Südtirol haben zusammengeholfen, es gibt Spender und wir haben um Subventionen angesucht. Ausfinanziert ist das Projekt leider noch nicht.“

 

Kapuziner in Wien seit 1622

Die Grundsteinlegung für Kapuzinerkloster und Kirche erfolgte im Jahr 1622. Aufgrund der politischen Verhältnisse wurde die Weihe der Kirche in zwei Schritten vorgenommen: Altäre und Seitenkapelle 1627, die gesamte Kirche erst 1632. Heute haben Kloster und Kirche durch ihre Lage in der Wiener Innenstadt neben seelsorglichen auch wichtige soziale Aufgaben: Das SLW Wien (Seraphisches Liebeswerk) hat seinen Sitz im Kloster, in den Wintermonaten wird in Zusammenarbeit mit Caritas und Pfarre eine Wärmestube für Bedürftige angeboten. Für den Kapuzinerorden ist Wien ein wichtiger internationaler Standort. Kapuziner aus aller Welt kommen nach Wien, um hier zu studieren oder Deutsch zu lernen.

 

Bildnachweis zur Honorar-freien Verwendung:

© Kapuziner/ K. Prokop:

Bild1: Blick auf Altar und Kaiserkapelle. Im Stuck der Kartusche (Bild links über der Kaiserkapelle) wurde u.a. vergessene Goldstuckaturen gefunden.

Bild2: Von April bis November wurde die Wiener Kapuzinerkirche generalsaniert. Das Außenbild zeigt u.a. den Portiunkula-Ablass, eine spezielle Form de Sündenvergebung, der heuer 800 Jahre alt wurde und auf Franz von Assisi zurückgeht.

Bild3: Zum modernsten Beichtraum Wiens wurde der alte Beichtstuhl umgebaut. Dort soll Beichte im klassischen Sinn genauso möglich sein wie Gespräch und Begegnung.

© Kapuziner/ G. Berger:

Bild 4: „Betet für mich und mein Österreich!“ war der Auftrag von Kaiserin Anna, der Stifterin der Gruft. Im Bild: Br. Tomasz Krawczyk, Guardian (Hausoberer) des Kapuzinerklosters.

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