Markus von Aviano: Kapuziner, Missionar und Retter Wiens
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Missionar, Ordensmann und Retter Wiens

Der selige Kapuzinerpater Marco d' Aviano (1631-1699)

Geht man in Wien von der Kärntnerstraße über den Neuen Markt in Richtung Kapuzinerkirche, sticht einem sogleich die überlebensgroße Statue eines Kapuziners ins Auge, der mit dem Kreuz gleich einem Schild einen imaginären Feind abzuwehren scheint: Markus von Aviano oder Marco d’ Aviano – wie er auf Italienisch heißt -  ist hier ein Denkmal gesetzt für seine Verdienste bei dem Sieg über die osmanischen Truppen im Jahre 1683.
Es würde dennoch zu kurz greifen, ihn auf diese Rolle zu beschränken, wie dies bisweilen in radikalen politischen oder islamophoben Gruppierungen geschieht. Es braucht ein gründlicheres Hinschauen auf diesen Kapuziner, dessen Leben von Bemühungen um Einheit mit Gott, um Frieden und Gerechtigkeit geprägt ist.

Bescheidene Anfänge

Marco wird am 17. November 1631 in eine wohlhabende und sehr religiöse Familie im italienischen Ort Aviano hineingeboren. Sein bürgerlicher lautete Name Carlo Domenico Cristofori.
Er besucht das Internat der Jesuiten im heutigen Koper und tritt 1648 in den Kapuzinerorden ein, wo er entsprechend der damaligen Sitte einen Ordensnamen erhält, den Namen Marco (Markus) und nach seinem Herkunftsort bezeichnet wird. Das in ihm lodernde Feuer und sein Talent für die Verkündigung werden jahrelang von seinen Vorgesetzten nicht erkannt, die ihn für ganz einfache priesterliche Dienste und die Arbeit im Kloster einsetzen. Erst die Begegnung mit dem Generalminister anlässlich der Visitation bringt eine Wende und öffnet ihm das Tor zur Predigttätigkeit. Das erklärt, warum er eigentlich erst im Alter von 45 Jahren mit seiner Predigttätigkeit beginnen kann.

Von heute auf morgen in aller Munde

Am 8. September 1676 kommt es zu jenem Ereignis, das ihn von heute auf morgen der Öffentlichkeit bekannt macht: Nach einer Messe in Padua bei geistlichen Schwestern spendet er einem kranken Mitglied der Gemeinschaft den Krankensegen, das seit 13 Jahren ans Bett gefesselt ist. Danach kann sich die Schwester sofort selbst erheben und ist fortan gesund. Dieser Wunderheilung folgen weitere in kurzer Zeit, und die Kunde davon verbreitet sich wie ein Lauffeuer in alle Lande. So wundert es nicht, dass Bruder Markus auf Verlangen der Landesherren 1680 und 81 – und später auch des Papstes – zur Mission quer durch die katholischen Länder Europas gesandt wird. Sie alle hegen die Erwartung, dass Markus von Aviano durch seinen Ruf als Wundertäter die Leute überzeugen kann, in der katholischen Kirche zu bleiben und nicht zu den Protestanten zu wechseln. Was sie erhoffen, tritt ein: Im Blick auf den Nutzen für die katholische Kirche ist er eine der erfolgreichsten Gestalten seiner Zeit.

Hilfe in äußerster Not

1682 kommt es auf Wunsch von Kaiser Leopold I. erstmals zu einem Treffen mit Markus von Aviano. Die Begegnung ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit dem Kaiser und seiner Familie. Der Kaiser fasst volles Vertrauen zu ihm und will auf seinen Rat gerade in der aktuellen Situation, da die osmanischen Truppen gegen Wien vorrücken, nicht verzichten.
Vergeblich haben sich Papst Innozenz XI. und Kaiser Leopold bemüht, dem Vormarsch der Osmanen Einhalt zu gebieten. Am 14. Juni 1683 erreichen sie Wien und beginnen bald danach mit der Belagerung der Stadt. Immer deutlicher zeigt sich, dass die Eroberung nur vermieden werden kann, wenn Hilfe von außen kommt und die Türken in die Flucht geschlagen werden. Durch den Einsatz hoher Geldmittel gelingt es Papst und Kaiser, verschiedene Herrscher für einen militärischen Schlag zur Rettung Wiens zu gewinnen. Doch scheint diese Aktion in letzter Minute zu scheitern an der Uneinigkeit und gegenseitigen Missgunst der Heerführer. Nur der überragenden Autorität von Bruder Markus, der als Gesandter des Papstes und Kaisers agiert hat, ist es zu danken, dass es zur erfolgreichen Befreiungsschlacht gekommen ist. In vielen Einzelgesprächen hat er zuvor die Heerführer beschworen, den Ernst der Lage zu erfassen und alle Eigeninteressen zurück zu stellen. Unmittelbar vor dem Beginn der Schlacht am 8. September 1683 hat er mit feurigen Appellen die Soldaten motiviert, im Kampf alles zu geben. Während der Schlacht eilt er von Abteilung zu Abteilung – sein Missionskreuz hoch erhoben mit ausgestreckter Hand – laut betend und die Soldaten segnend.
Der Sieg gelingt und die Heerführer lassen sich feiern. Ihre Namen gehen in die Geschichte ein, aber die eigentliche Seele für die Befreiung Wiens ist der schlichte und einfache Kapuzinerpater Markus.

Einsatz für Gerechtigkeit

Nach dem Erfolg in Wien betraut ihn der Papst mit weiteren diplomatischen Aufgaben und schickt ihn auf Kriegsschauplätze auf dem Balkan, wo dieser von den osmanischen Truppen befreit und so langfristig Frieden für Mitteleuropa sichergestellt werden soll. Oft wird er mit schwerwiegenden Missständen im Heer konfrontiert, das vor allem an der Disziplinlosigkeit seiner Führer leidet. Dabei muss er auch manche Enttäuschung und Bitterkeit ertragen.
Ein Grundzug im Wesen des Paters Markus ist es, dass ihm Not und Leid der Menschen zu Herzen gehen. Auf seinen Missionsreisen ist ihm vielerlei an menschlicher Not begegnet. Er hat auch die Ungerechtigkeiten des feudalen Systems deutlich wahrgenommen und darum überall aufgerufen, den Notleidenden zu Hilfe zu kommen. Für ihn ist klar, dass vor allem Gerechtigkeit die Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen in Würde und im Frieden leben können.
Wie sehr er sich der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, zeigt sich exemplarisch in seinem Eintreten für die Juden und Muslime in besonders prekären Situationen:
In Padua geht das Gerücht um, dass sich die dortigen Juden mit den Feinden verbündet haben. Energisch widerspricht Markus von Aviano diesen haltlosen und unwahren Anschuldigungen und kann damit die Juden höchstwahrscheinlich vor einem Progrom bewahren.
Bei der Eroberung Belgrads sind dem christlichen Heer 800 Muslime in die Hände gefallen, die einfach abgeschlachtet werden sollen. In einer Intervention stellt sich Bruder Markus schützend vor sie und rettet sie vor dem sicheren Tod.

Der wunderbare Segen – das eigentliche Markenzeichen

Markus von Aviano ist einem kräfteraubenden Lebensstil ausgesetzt. Wohin er kommt, strömt alles Volk zusammen. Aber immer, wenn sich die Gelegenheit bietet, geht er in die Stille und sucht die Nähe Gottes im Gebet. Das gibt ihm Kraft und sichere Verankerung. Der Rummel um ihn als großen Wundertäter ist ihm innerlich zuwider.
Das eigentliche Motiv, das den Kapuziner antreibt, ist, die Menschen vor Gott zu bringen, der für ihn immer der Gott der einzigartigen Liebe ist. Um dieses Ziel zu erreichen, schafft er einen eigenen Segensritus, der die Menschen zur Umkehr – eigentlich zur Hinkehr zu Gott – führen soll. Die Massen sind um der Heilungen willen herbei geströmt, – ein für ihn viel zu flaches Motiv – er aber will sie zu Tieferem führen. Er ist überzeugt: Wenn die Menschen mit dem wahren Gott, mit seiner Liebe, in Berührung kommen, dann kann sich Wunderbares ereignen. Dann können auch jahrelange Blockaden an Leib und Seele gelöst werden, dann kann sich Heil an Leib und Seele ereignen.

Der Ritus der Liebesreue

In der Mitte seines Ritus steht der „Akt der Liebesreue“. Wer sich mit der Bitte um eine Segnung an Bruder Markus wendet, ist gehalten, zuerst die Beichte abzulegen und eine aktive Handlung der Reue zu setzen. Damit verbunden ist eine (neue) Hinwendung zu Gott in bestimmten Gebeten, dem lauten Aussprechen des Schuldbekenntnisses und dem Empfang der heiligen Kommunion.
Mit diesem Ritus soll sinngemäß zum Ausdruck gebracht werden: „Wir stehen im Bewusstsein unserer Sünde vor dir. Wir haben unser Herz vor deiner Liebe verschlossen und sind unsere eigenen Wege gegangen. Nun kehren wir zu dir zurück. Nimm uns an und segne uns!“
Erst wenn sich der Mensch wieder vorbehaltlos auf Gott ausrichtet, wird der Segen erteilt.
Die Art und Weise, wie Bruder Markus dabei die Worte vorspricht und den Segen erteilt, ruft außergewöhnliche Reaktionen bei den Menschen hervor. Verstockte Herzen werden zuinnerst erschüttert. Oft brechen sie in lautes Schluchzen aus und an vielen vollziehen sich nach dem Zeugnis von Chronisten wunderbare Heilungen.
Das Anliegen des Markus von Aviano ist ein zeitlos gültiges Anliegen. Zu allen Zeiten – mögen sie auch noch so anders als vorausgegangene sein – geht es darum, die Menschen mit der heilenden Wirklichkeit Gottes in Berührung zu bringen und sie zu ermutigen, auf Gott ihr Vertrauen zu setzen.

Die vielen Einsätze und Reisen kosten Bruder Markus viel Kraft und zehren an seiner Substanz. 1699 kommt er auf Bitte Kaiser Leopolds ein letztes Mal nach Wien. Er ist gesundheitlich bereits schwer angeschlagen und muss sich schon nach einigen Tagen sterbenskrank zu Bett begeben. Als sein Ende am 16. August nahe ist, besuchen ihn Kaiser Leopold und seine Gemahlin. Sie setzen damit ein Zeichen der Dankbarkeit und nehmen Abschied von ihm. Noch während ihrer Anwesenheit geht das Leben des Markus von Aviano zu Ende.
Seine Beisetzung erfolgt an besonderer Stelle in der Kapuzinerkirche.

Am 27. April 2003 wird Markus von Aviano seliggesprochen. Seinen Gedenktag feiern wir am 13. August.


Segen des Markus von Aviano

Jesus! Maria!
Gott segne dich, Er behüte dich, Er sei dir gnädig!
Er wende dir Sein Antlitz zu und gebe dir den Frieden!
Der Herr segne dich und befreie dich von all deinen Leiden gemäß deinem Glauben,
denn alles vermag, wer glaubt!
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen

Quellen:

Krautsack, Fidelis/ Mayerl, Erhard: Markus von Aviano. Künder eines geeinten und christlichen Europa, hrsg. vom Provinzialat der Kapuziner, Wien 1999.

Fantuz, Guilana V./ Renier, Venanzio: Marco d‘ Aviano und Innozenz XI. Bewahrer des christlichen Europa, Wien 2017.

[13.8.2020 – michelitsch/red]