Interview mit Bruder Wolfgang-Michael Schauersberger
Kapuziner Österreich-Südtirol

Die musikalische Ader der franziskanischen Seele

Interview mit Bruder Wolfgang-Michael Schauersberger

Heute wird bei Kapuzinern in Chorgebet, Gottesdienst und oft auch im Zuge von Festen gerne und ausführlich gesungen. Das war nicht immer so. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es kaum Musik in Kapuzinerkirchen. Wie eine Gegenreaktion zu immer größer werdenden Stadtkonventen und monastischem Leben des damaligen franziskanischen Ordens sollte die Kapuzinerreform 16. Jahrhundert wieder einfache Wanderbrüder in strikter Einfachheit hervorbringen. Ein Teil davon war die schlichte Liturgie ohne musikalische Gestaltung. Erst in den 1950er Jahren begann sich diese Strenge wieder zu lockern. Als schließlich die Kirche mit dem zweiten vatikanischen Konzil auch eine lebendigere Gestaltung der Liturgie suchte, wurde auch bei den Kapuzinern Musik endgültig wieder Teil von Gebet und Gottesdienst. Für diesen Bericht haben wir stellvertretend für zahlreiche musikbegeisterte Kapuziner mit einem gesprochen, der selbst in der Musik zuhause ist: Bruder Wolfgang-Michael Schauersberger. Der gebürtige Steirer lebt heute im Kapuzinerkloster Feldkirch. Vor seinem Ordenseintritt war er viele Jahre haupt- und ehrenamtlich bei Dommusik und musikalischer Gestaltung der Gottesdienste im Wiener Stephansdom engagiert. Wir haben ihn gefragt, wie er zur Musik gekommen ist und was Glaube, Musik und Kapuziner verbindet.

Wie hast du deine besondere Liebe zur Musik entdeckt?
Beide Eltern waren musikalisch und hatten sich im Kirchenchor kennengelernt, musizierten aber selbst nicht instrumental. Es kam von ihnen auch keine Anregung an uns 6 Kinder zu musikalischer Betätigung. Immerhin war der Sonntagnachmittag meines Vaters, und in Folge auch der Familie, durch das Abhören der Werke der großen italienischen Oper, v.a. von Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini geprägt. Meinem eigenen musikalischen Bedürfnis wurde versucht, mit einer Mundharmonika entgegenzukommen. Weder mein Wunsch, Blockflöte zu lernen, noch auch Akkordeon, konnten angesichts der großen Geschwisterschar Gehör finden. Aber als ich schließlich mit 13 Jahren auf dem Dachboden die Geige meiner Mutter fand, auf der sie in ihrer Jugend geübt hatte, hatte ich mein Instrument gefunden, das ich nicht mehr aus der Hand gab.

Was ist deine Lieblingsmusik?
Nicht nur als Tenor im halbprofessionellen Vokalensemle des Wiener Stephansdoms, sondern auch durch das Spiel der Gambe, habe ich vor allem die Musik der Renaissance, aber ebenso des Barock besonders lieben gelernt. Im polyphonen Kompositionsstil dieser Epochen kommt jeder Stimme gleichrangige Bedeutung zu.

Siehst du einen Zusammenhang zwischen Musik und Glauben?
Wir wissen, dass die größten musikalischen Werke Ausdruck des Glaubens sind und dass ebenso die Musik als Mittel der Gnade dienen kann, die dem Glauben das Herz öffnet - und nicht nur dem Glauben, sondern Gott selbst; dass sie vermag, Göttliches zum Ausdruck zu bringen und Göttliches den Herzen mitzuteilen.

Ist es deiner Meinung nach Zufall, dass so viele Kapuziner so musikalisch sind?
Es hat wohl speziell die franziskanische Seele als wesentlich konstituierenden Teil eine ausgeprägte musische Ader. Ohne diese wäre sie nicht "franziskanisch" zu nennen.

Gesang in der Messe wurde als "Zeitverlust" fürs Gebet gesehen

In Kapuzinerklöstern war Musik allerdings bis in die 1950er Jahre verpönt....
Die Kapuziner waren von allen Anfängen an aus Gründen der Buße und Askese der musikalischen Betätigung gegenüber ablehnend eingestellt. Denn die Überzeugung war, dass die Ausübung von Musik vor Zuhörern den Ausübenden, also den Kapuzinerbruder als Sänger und Musiker durch die Aufmerksamkeit, die Bewunderung und das Lob, das ihm für seine Leistung gespendet wird, in seiner Selbstgefälligkeit bestärkt und ihn überheblich macht. Darüber hinaus bewirkt die musikalische Gestaltung der Liturgie eine Länge, die als unnötiger Verlust von Zeit angesehen wurde, die mit weit größerem Gewinn als Gebetszeit genutzt werden konnte. Daher waren auch Orgeln in Kapuzinerkirchen nicht vorhanden. Dies war eine selbst auferlegte Strenge im Kapuzinerorden, die also der Ausübung von Musik in der Liturgie eher abträglich war.

Franziskus sah sich und seine Brüder als "Spielleute des Herrn"

"Franziskanisch" war diese Übung der Strenge insofern nicht, als in allen Berichten über Franziskus selbst und seine Brüder ausgesagt wird, in welcher Weise sie bei verschiedensten Gelegenheiten Psalmen Hymnen und Lieder zum Lob Gottes sangen und dass Franziskus seine Brüder auch immer wieder dazu aufforderte. Er betrachtete sich und seine Brüder geradezu als "Spielleute des Herrn". Seine musische Begabung drängte Franziskus dazu, eigene Psalmen zu dichten sowie andere Lieder und Lobgesänge, man denke nur an den weltberühmten Sonnengesang. Vor allem bewunderte Franziskus französische Poesie und Minnesang und strebte danach, es ihnen gleichzutun. Alles in allem also eine "musische Seele"!

Wie passt das zusammen?
Trotz aller Strenge waren die Kapuziner musikalisch nicht untätig. Was sie öffentlich nicht ausüben durften, gönnten sie sich bei Rekreationen und anderen Gelegenheiten privat. Immerhin sind beispielsweise Fotografien von der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erhalten, die Brüder mit Gitarre beim gemeinsamen Gesang beisammensitzen zeigen. Auch ist der Kapuziner Laurentius von Schnifis (17. Jahrhundert) als Schöpfer des Marienliedes "Wunderschön Prächtige" bekannt geworden. Als Beispiel sei auch Richard Allinger genannt (1908-1956), Kapuziner der ehemaligen Wiener Provinz, der es als Komponist, Organist und Musikwissenschaftler sogar zu einem Eintrag im Österreichischen Musiklexikon gebracht hat.