Ein Schlichter pocht auf Schlichtheit

Vor 400 Jahren starb der Heilige Laurentius, der im Ringen mit Erzbischof Wolf Dietrich die Kapuziner in Salzburg ansiedelte.

Gegensätzlicher können zwei Menschen kaum sein: Der Salzburger Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau einerseits und der Heilige Laurentius von Brindisi auf der anderen Seite. Vor genau 400 Jahren starb Laurentius von Brindisi, in Salzburg hat der Heilige bis heute Spuren hinterlassen. 

Gemeinsam siedelten die beiden ungleichen Charaktere Kapuzinerbrüder auf den Imberg an, seither ist das Kapuzinerkloster aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Das gemeinsame Ziel schweißte den legendären Fürsterzbischof und den Kapuziner kurzzeitig zusammen. Letzterer gehörte damals als Generalrat schon zu den Führenden seines Ordens in ganz Europa.

Lebemann Raitenau und Asket Laurentius

Ihre gegenseitige Ablehnung trat mit den Jahren aber immer auffälliger zu Tage. Von Raitenaus Hofhaltung kontrastierte zu Laurentius‘ Armutsliebe und Lebensstrenge. Der Kirchenfürst Wolf Dietrich lebt in Saus und Braus, lässt Salzburg zur ersten Barockstadt des Reiches ausbauen und nimmt es mit der Keuschheit nicht so genau – er hat mit seiner Geliebten Salome Alt fünfzehn Kinder. Eigentlich wäre er viel lieber Soldat anstatt Priester geworden, schreiben Biografen, die Wolf Dietrich große Willensstärke und hohe Bildung zuschreiben, aber auch ein übersteigertes Selbstwertgefühl und das Verlangen nach einer ausschweifenden Hofhaltung.

Laurentius von Brindisi dagegen hat ein offenes Ohr für die Alltagssorgen der einfachen Menschen und lebt äußerst diszipliniert und hart zu sich selbst. Am 22. Juli 1559 wurde er in Brindisi geboren und entwickelte sich rasch zu einem priesterlichen Talent. „Schon als junger Mann konnte Laurentius die Heilige Schrift in weiten Teilen auswendig zitieren, und zwar in  Griechisch und Hebräisch“, erzählt Niklaus Kuster. Der Kapuzinerbruder Kuster ist Theologe und Historiker, Hochschullehrer, Autor zahlreicher historischer und spiritueller Bücher und gilt als Laurentius-Experte. Die österreichischen, und besonders die Salzburger Kapuziner hätten Laurentius von Brindisi eine Menge zu verdanken, sagt Kuster.

Das erste Kapuzinerkloster im heutigen Österreich wurde während des Provinzialats von Laurentius im Dezember 1594 in Innsbruck eröffnet. Allerdings konnte Laurentius selbst wegen des harten Winters zur Feier nicht anwesend sein. Aber er wurde durch die Neugründung zur gefragten Kontaktperson für Erzbischof Wolf Dietrich, der seinerseits in Salzburg Kapuzinerbrüder beheimaten wollte.
„Dem Gesuch Wolf Dietrichs kam Laurentius von Brindisi am 9. September 1596 nach, als er drei Kapuzinerbrüder aus Venedig auf den Salzburger Imberg entsandte, wo der Fürsterzbischof gerade ein neues Kloster bauen ließ“, schildert Wolf Dietrich-Experte Roland Kerschbaum. Der Salzburger Domkapitular ist Historiker und Kunsthistoriker, Pfarrer von Elsbethen und als Diözesankonservator zuständig für die Denkmalpflege aller Gebäude, die im Besitz des Erzbistums Salzburg sind.

Ein Prunkbau für den Bettelorden?

Eigentlich fanden sich hierbei die Interessen des Ordens (Expansion) und des Fürsten (Geistlicher Schutz) zusammen. Der Fürsterzbischof ließ das so genannte Trompeterschlössl auf dem Imberg, steil über der Stadt, in ein Kloster umbauen. Dennoch gab es von Anfang an Schwierigkeiten durch die unterschiedlichen Ansichten der beiden Männer. Während Wolf Dietrich, ganz seiner Art entsprechend, den Kapuzinern ein herrschaftliches Domizil bauen wollte, lehnte Laurentius, ganz der kapuzinischen Ordensregel entsprechend, jeglichen Prunk ab. Der Streit führte so weit, dass Laurentius seinen drei Kapuzinerbrüdern sogar schon befohlen hatte, Salzburg wieder zu verlassen, ehe sie in einen Prunkbau zögen. „Lieber hätten die Kapuzinerbrüder,  auf die Anweisung Laurentius‘ hin, auf ihr Kloster verzichtet und Salzburg wieder verlassen, als ihrer gelobten Armut untreu zu werden“, erinnert Niklaus Kuster an das Pokerspiel der beiden Anführer. Schließlich lenkte Wolf Dietrich aber doch noch ein und den Kapuzinern wurde eine schlichte Heimat geschaffen. 

„Der Fürsterzbischof von Raitenau wollte die Kapuziner als weiteren Bettelorden in seiner Stadt beheimaten, nachdem sich die Franziskaner schon seit 1583 in Salzburg befanden“, erzählt Niklaus Kuster, „und da die Kapuziner als damals junger Orden große Erfolge in der Missionierung der Bevölkerung hatten, fiel die Wahl des Kirchenfürsten auf sie“. 1594 stellte er die Anfrage zur Besiedelung an Laurentius, 1596 kamen die drei Brüder und im Jahr 1599 konnten Kloster und Klosterkirche fertiggestellt werden, weiß Roland Kerschbaum. Die ersten drei Jahre, zwischen 1596 und 1599, lebten und wirkten die Kapuzinerbrüder im Kirchlein „Sankt Johannes am Imberg“, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Klosterneubau.

„seind die Herrn Cappuciner alhie ankomen“

„In disem 1596 Jahr auch seind die Herrn Cappuciner alhie zu Salzburg ankomen. Denen haben ihr hochfürstliche Genaden das uhralte Schlößl auf dem Ynperg zu einem Closter eingeben“, ist in einer Urkunde von damals zu lesen. Am Allerheiligentag, dem 1. November, 1599 feierten die Kapuziner in der neuen Klosterkirche ihren ersten Gottesdienst. Der Fürstbischof Wolf Dietrich höchstpersönlich nahm die Weihe der Kirche vor.

Klostergründer, Generaloberer, Heiliger und Kirchenlehrer

Zu dieser Zeit brachte Laurentius als Pionier der Expansion bereits italienische Kapuzinergruppen nach Wien, Graz und Prag, wo im Jahr 1600 die ersten Klöster des Ordens in Mitteleuropa entstanden. Wer war der Ordensbruder Laurentius von Brindisi aus dem tiefsten Süden Italiens, dem die örtlichen Kapuziner ihre lange Tradition der Brüderlichkeit, der Barmherzigkeit und des Gebets zu verdanken haben? Neben seinem ausgeprägten Sprachtalent, „scheinen seine Studienerfolge so herausragend gewesen zu sein, dass er, obwohl erst 22 Jahre alt und noch nicht zum Priester geweiht, zum Professor nach Venedig berufen wurde“, schildert Laurentius-Biograf Kuster. Anschließend wurde der Bruder zum Oberen mehrerer Ordensprovinzen und schließlich zum Generalminister aller Kapuziner gewählt. Über seine Klostergründungen hinaus bedienten sich die Päpste und einige Fürsten dieses begabten Mannes für schwierige diplomatische Vermittlungen.

Laurentius starb an seinem 60. Geburtstag, am 22. Juli 1619, in Lissabon. Schon wenige Tage nach seinem Tod, wurde sein Seligsprechungsprozess eingeleitet. Seit 1783 wird er als Seliger, seit 1881 wird dieser außergewöhnliche Kapuziner als Heiliger verehrt. In den hohen Rang eines ‚Kirchenlehrers‘ erhob ihn Papst Johannes XXIII. im Jahr 1959.

Und das Salzburger Kapuzinerkloster? Bis auf wenige Jahre, während der Zeit des Nazi-Regimes, ist das Kloster auf dem Imberg stets Heimat von Kapuzinern geblieben. Seit mehr als 420 Jahren ein steinernes Zeugnis, wie sich Wolf Dietrich und Laurentius zum Wohle der Gläubigen zusammengerauft haben.

Der 400. Todestag ist der 22. Juli 2019, der Gedenktag des Heiligen wird alljährlich am 21. Juli gefeiert, heuer in Salzburg mit einer offenen Klosterterrasse und der Möglichkeit, mit Kapuzinerbrüdern ins Gespräch zu kommen.

Verfasser: Michael Maldacker, Salzburg


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