Erste Profess im Noviziat Camerino

Ein Bericht von Bruder Michael Masseo Maldacker.

Es ist viel zu heiß für einen frühen Samstagmorgen. Mit Schweiß auf der Stirn knie ich vor dem Altar der Basilika. Mein Herz rast. Die gefalteten Hände liegen in den Händen meines Provinzialminsters. Obwohl viele Menschen in die Kirche gekommen sind, fühle ich mich ganz allein mit Jesus Christus. Gleich darf ich meine Professformel aufsagen, die mich für die nächsten drei Jahre mit den Brüdern Kapuziner vereint.

An sich ist die so genannte erste zeitliche Profess für die Kapuziner kein einzigartiges Ereignis. Unzählige Brüder vor mir haben diesen Moment erlebt, und ihn werden wohl auch nach mir noch einige erleben. Doch in diesem Jahr war auch für die deutsche Kapuzinerprovinz alles anders, alles neu.
Ich bin der erste deutsche Kapuzinernovize in Italien seit nahezu 500 Jahren, seit es die Kapuziner gibt. Vor meiner Zeit legte der deutschsprachige Ordensnachwuchs seine Profess stets in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ab.

Das Abenteuer Italien begann für mich am 21. September 2019, am Tag der Einkleidung. Obwohl Camerino für uns Kapuziner von historischer Bedeutung ist - im Jahr 1529 bezogen die Brüder hier ihr erstes Kloster - kannte ich das Städtchen in der Region Marken allenfalls vom Hörensagen. Jetzt war ich einer von insgesamt neun Novizen dieses Jahrgangs. Mit mir begannen sechs Italiener, ein Slowene und ein Mitbruder aus dem Libanon. Zwischen 22 und 46 Jahren alt.
Unsere gemeinsame Zeit startete gleich mit einem Höhepunkt. Anfang Oktober durften wir gemeinsam mit den Mitbrüdern der Provinz Marken den Papst im Vatikan besuchen. Es war eine äußerst ungewöhnliche, private Audienz. Nachdem wir im Hörsaal alle unsere Fragen an den Pontifex Maximus stellen durften, ging es zum gemeinsamen Mittagessen am Buffet, das heißt, alle hatten die Möglichkeit zu einigen privaten Momenten, zu einem Plausch mit Papst Franziskus. Und natürlich zu einem persönlichen Erinnerungsfoto.

Weitere erhebende Momente gab es für uns „Frischlinge“ in Loreto. Jeden Sonntag ging es für jeweils zwei Novizen in die Basilika des größten Marienwallfahrtsorts Italiens, etwa eine Autostunde von Camerino entfernt, um den ganzen Tag über in bis zu sieben Messen am Altar zu dienen und die heilige Kommunion zu spenden.

Das Noviziat: In die Tiefe hinabsteigen

Das Noviziat ist, so fasst es unser Novizenmeister Giuseppe Settembri zusammen, „eine Zeit, in der ich in die Tiefe meines Herzens hinabsteige, um dort das göttliche Leben aufzunehmen“.
Ich höre auf, immer zuerst an mich selbst zu denken und stelle Jesus Christus in den Mittelpunkt meines Lebens.
Unser Alltag sah deshalb vor, dass wir jeden Tag, außer sonntags, Unterricht bei den Mitbrüdern des Konvents hatten: die kapuzinischen Konstitutionen, Geschichte und Spiritualität der Kapuziner, Liturgie der Messe, Theologie des geistlichen Lebens sowie das Leben heiliger Kapuziner.
So sollten die spirituellen Früchte des Noviziats in uns wachsen und gedeihen. Natürlich auch durch das gemeinsame und persönliche Gebet, beim Bibelteilen und in den Zeiten der Meditation und Kontemplation.

Landwirtschaft - Seniorenseelsorge - Besucherdienst: Die Novizen haben vielfältige Aufgaben.

Neben der spirituellen Ernte sorgten wir auch für die Früchte der Natur. Das Kloster bearbeitet große landwirtschaftliche Flächen. Hier gedeihen Obst und Gemüse aller Art, Weizen, Reben und Olivenbäume sowie Bienen, Perlhühner und Schweine.
Jede Woche einen Nachmittag verbrachten wir im Altenheim. Meist sangen wir mit den Seniorinnen und Senioren Volkslieder, was sie sehr erheiterte. Zu unseren sozialen Aufgaben gehörte zudem die Betreuung und Pflege dreier älterer Mitbrüder im Haus: Mehrmals täglich an- und auskleiden, duschen, Mahlzeiten an den Tisch bringen, Zimmer putzen, Wäsche waschen ...
Außerdem waren die Novizen für sämtliche Putzarbeiten im Kloster zuständig. Als zusätzlichen Dienst hatte ich die Ehre, einer von drei Besucherführern durchs Kloster zu sein. Meist war es eine große Herausforderung, auf italienisch das Haus und seine Geschichte zu erläutern. Zumindest bis die Coronakrise kam und damit keine Besucher mehr.

Corona hat alles durcheinandergewirbelt

Unsere Noviziatszeit darf den unrühmlichen Namen „Generation Corona“ tragen. Denn vor uns liefen Noviziate anders ab. Es gab mehr Kontakte mit Menschen außerhalb des Klosters, mehr Ausflüge und spirituelle Exkursionen ins Umland und drüber hinaus. Nicht so bei uns.
Zwischen Anfang März und Anfang Juni 2020 lebten wir Brüder in Camerino in völliger Abgeschiedenheit, um uns nicht mit dem Virus zu infizieren und somit unsere betagten Mitbrüder vor einer Ansteckung zu schützen. Unser Alltag wurde eintönig, den ganzen Tag waren wir unter uns. So gar kein kapuzinischer Gedanke.
Die geplante einwöchige spirituelle Reise nach Assisi: gestrichen. Die vorgesehenen Lektionen auswärtiger Referenten: abgesagt. Unsere Besuche im Altenheim: auf Eis gelegt. Genauso wie auch unsere Sonntagsdienste in Loreto Opfer der Krisenprävention wurden. Beides wurde auch nach der akuten Krisenzeit leider nicht mehr in unseren Stundenplan aufgenommen.
Zum Abschluss des Noviziats bereiteten wir uns bei Bologna eine Woche lang in ignatianischen Exerzitien auf die Profess vor. Vor allem aber auf die Nachfolge Christi. In der ich entschlossen, unerschrocken und mit großer Freude weitergehen möchte.

An jenem 12. September 2020 war es soweit. Ich durfte nach zwölf Monaten Noviziat meine erste Profess ablegen.
In einem kleinen Städtchen namens Camerino, im Hinterland der Adriaküste, Mittelitalien.
Für mich war dieser Moment einzigartig. Einmalig. Berührend.

Wie geht mein Weg weiter? Jetzt steht das halbjährige so genannte Postnoviziat in Deutschland an. Dort erwarten mich zwei mehrmonatige Praktika im sozialen Bereich: die Wohnungslosenküche in Frankfurt am Main und Jugendarbeit in Altötting vor den Toren Salzburgs. Ab April 2021 werde ich gemeinsam mit drei weiteren Kapuziner-Junioren mein in Freiburg/Breisgau begonnenes Theologiestudium an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster fortsetzen.

Das eigene Ich ablegen und sich Christus ähnlich machen - es klappt im Alltag natürlich nicht immer. Aber das Noviziat ist ein guter Weg zu diesem Ziel. Auch, wenn dieser Weg im fremdsprachigen Ausland beginnen soll. Ich habe Camerino nach dieser Erfahrung und mit den kommenden Etappen im Blick jedenfalls mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen. Arrivederci Italia, benvenuta Germania!

[30.09.20/maldacker]

Kapuziner werden und Jesus folgen
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