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Martin von Tours und Franz von Assisi

Was bedeutet die Unterstützung bedürftiger Menschen im Selbstverständnis der Kapuziner?

Am 11. November feiern wir das Fest des heiligen Martin, einer Ikone der Hilfsbereitschaft. Schon im Kindergarten Kinder hören die Geschichte, nach der der Heilige an einem kalten Abend einen frierenden Bettler traf und seinen Mantel mit ihm teilte. Martin von Tours lebte im 4. Jahrhundert nach Christus. In der Nacht nach der Begegnung mit dem Bettler soll ihm Christus in der Gestalt des Bettlers erschienen sein. Er sagt zu ihm: „Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan.“ Der heilige Martin ließ sich in Folge dieses Erlebnisses taufen, es handelt sich also gewissermaßen um eine Berufungsgeschichte.
Aus dem Leben des heiligen Franziskus kennen wir ebenfalls ein Bild, das als ein zentrales Berufungserlebnis für ihn gilt und auf den ersten Blick ähnlich wirkt: Franziskus, der einen Aussätzigen trifft und umarmt. Kapuziner sind ein Bettelorden. Sie sind bekannt für ihre Einfachheit und Mildtätigkeit. Ein spezifisch caritativ ausgerichteter Orden sind sie allerdings nicht. Anlässlich des Martinsfestes wollen wir einen Blick auf die Frage werfen, wie es sich bei den Kapuzinern mit der Hilfe für sozial Bedürftige verhält.

Franz von Assisi und die Hilfe für Bedürftige

Was sagt der Ordensvater der Kapuziner, Franz von Assisi, also über die caritative Hilfe für Bedürftige? Bruder Johannes Schneider OFM, langjähriger Forscher franziskanischer Spiritualität verweist hier auf das Testament des Franziskus: Dieses für alle franziskanischen Ordensgemeinschaften zentrale Dokument verfasste der Heilige kurz vor seinem Tod. U.a. spricht Franz von Assisi darin über seine Begegnung mit dem Aussätzigen. Er verwendet dabei den lateinischen Begriff „Barmherzigkeit“ - misericordia. Es ist das einzige Mal in all seinen Schriften, dass er dieses Wort für die Liebe zu Bedürftigen verwendet.
Dort heißt es übersetzt:

„So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen, und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. (…)“(Test 1-13)


Barmherzigkeit: Hinwenden zum Nächsten und Gegenseitigkeit

Bemerkenswert ist dabei, so Johannes Schneider, dass es im lateinischen Original heißt, „mit ihnen“ habe Franziskus Barmherzigkeit erwiesen. Die Barmherzigkeit beruht also gewissermaßen auf Gegenseitigkeit. Woher kommt das? Der Ausgangspunkt für Franziskus ist das erwähnte „Sein in Sünde“. Damit ist ein Zustand gemeint, in dem ein Mensch bei sich selbst verharrt und sich von seinem Gegenüber nicht an- oder berühren lässt. Der positive Gegenpol dazu ist das Hinwenden zum Anderen, dem Nächsten. Also auf jemanden zuzugehen und sich von dessen Situation anrühren zu lassen. Damit verbunden ist auch die Fähigkeit, anzunehmen, dass nicht nur der Bedürftige, sondern auch man selbst der Barmherzigkeit und des Erbarmens Gottes bedarf. Spricht Franziskus hier also von einem barmherzigen Werk, so ist dies keineswegs eine Einbahnstraße: Es kommt zu einer zwischenmenschlichen Begegnung auf Augenhöhe, bei dem einer dem anderen Barmherzigkeit erweist.

Begegnung auf Augenhöhe

Zentral für Franziskus und damit auch für die Kapuziner ist hier also die Identifikation mit dem anderen Menschen. Franziskus hat keinen caritativ ausgerichteten Orden gestiftet. Er empfahl jedoch seinen Brüdern, sich der Situation auszusetzen, immer wieder Bedürftigen, Aussätzigen auf Augenhöhe zu begegnen und in dieser Begegnung das Erbarmen Gottes zum gegenseitigen Geschenk werden zu lassen.
Eine Konsequenz aus dieser Haltung war neben dem Leben in Armut die Selbstverständlichkeit, mit der franziskanische Orden damals wie heute jedem Menschen auf Augenhöhe begegnen wollen, unabhängig von dessen gesellschaftlicher Stellung oder sonstiger Äußerlichkeiten. Die Selbstverständlichkeit dieser Begegnung auf Augenhöhe, die Hinwendung zu einem Gegenüber, das auch einem selbst das Erbarmen Gottes schenken kann, muss in jeder Zeit und im jedem Umfeld neu verwirklicht werden.
Eine weitere Konsequenz, gerade für die Kapuziner, ist das, was in der mehrfach zitierten Formel „Hingehen, wo wir gebraucht werden“, zum Ausdruck kommen soll. Dazu gehören die Ausspeisungen an den Pforten der Klöster und die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen - heute ist in unseren Breiten die Hilfe für Bedürftige professionalisiert. Gleichzeitig gibt es auch zahlreiche Bereiche, die nicht unter klassische „Bedürftigkeit“ fallen: Arbeit mit Randgruppen oder Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, mit Menschen, die spirituell „Hunger leiden“. Kapuziner wurden oft beschrieben als diejenigen, die hingehen, wo sonst niemand hingeht. So sehen wir uns nach wie vor aufgerufen, uns anrühren zu lassen von unserem Gegenüber, im Vertrauen darauf, dass wir des Erbarmens Gottes genauso bedürfen wie unser Gegenüber. Und wenn wir uns auf eine Begegnung einlassen, ebenso beschenkt werden.

Die Hintergrundinformationen zu Franziskus und Barmherzigkeit wurden einem verschriftlichten Vortrag von Br. Johannes Schneider OFM auf einem Brüdertag der Kapuziner im Februar 2016 entnommen.

[2020/11/11 – red]

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