Details: Kapuziner Österreich-Südtirol
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Wie strukturiert man seine "Familie" um?

Über Lösungswege für die Zukunft der Kapuziner.

„Unsere jüngeren Mitbrüder sollen hier einen guten Platz für aktives Leben im Sinne unseres Ordens haben. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dem älteren Teil der Gemeinschaft einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen und sie Wertschätzung und Dankbarkeit erfahren zu lassen.“ Dies ist ein Auszug aus dem ersten Statement von Bruder Erich Geir nach seiner Wahl zum Provinzial im Juni 2017. In den letzten drei Jahren hat Bruder Erich mit seinem Provinzrat und den anderen Mitbrüdern der Provinz sich für eine Umsetzung dieses Programms eingesetzt, das im 21. Jahrhundert vor allem viel mit Strukturfragen zu tun hat.

„Manche Abläufe in unserer Gemeinschaft, die vor 50 Jahren bei meinem Eintritt noch selbstverständlich waren, gibt es so einfach nicht mehr!“ so Provinzial Bruder Erich Geir. So sind etwa Klostergemeinschaften aus alten und jungen Kapuzinern heute selten geworden. Aber dazu gehört auch, dass das Einkommen aufgrund der geringen Anzahl junger Brüder zurückgeht und dass die bei den Kapuzinern üblichen Versetzungen für die Provinzleitung manchmal zu einem Spagat zwischen brüderlichen Lösungen und dem Blick aufs Ganze führen.

„Uns fehlt eine ganze Generation“

Grundgelegt ist das Thema schon in den 1960er und 70er Jahren. Die Welt hat sich verändert und was die ganze Kirche schon seit damals spürt, ist auch an den Orden nicht spurlos vorüber gegangen. Bruder Erich: „Aber wir haben das erst spät realisiert. Fakt ist, dass aus der Generation derer, die heute zwischen 40 und 60 sind, kaum mehr jemand übrig ist. Da fehlt uns eine ganze Generation!“ Und meint weiter: „Wenn die Wiener Mitbrüder nicht schon Anfang der 80er auf Kooperationen mit anderen Provinzen, konkret der Krakauer Provinz, gesetzt hätten, gäbe es uns schon gar nicht mehr.“ Das ist auch einer der Wege, den die Kapuziner momentan intensivieren: „Wir brauchen die Kooperationen. Wir brauchen dringend eine bessere altersmäßige Durchmischung in unseren Klöstern!“



Wie in einer Familie, in der die Eltern alt geworden sind.

Bruder Erich: „Was wir Kapuziner zurzeit erleben, kennen viele Menschen aus ihren Familien: Die Eltern werden alt. Sie leben noch selbstständig in ihrem zu groß gewordenen Haus – doch es ist absehbar, dass nicht mehr alles selbst erledigt werden kann. Darüber hinaus müsste auch das Haus an der einen oder anderen Ecke hergerichtet werden...“ Ähnliche Themen beschäftigen ihn und seine Provinzgemeinschaft momentan ebenfalls und er schließt an: „Was tut man jetzt - hofft man, dass sie selbst Lösungen finden – was, wenn das nicht in Sicht ist? Nimmt man die Eltern zu sich? Wollen sie das überhaupt? Was, wenn man ein paar hundert Kilometer weg wohnt – reißt man sie aus ihrem gewohnten Umfeld? Motiviert man sie, in ein Heim zu ziehen?“

„Patentlösungen gibt es keine!“

Parallel zu den oben genannten Kooperationen werden Kloster-übergreifend Projekte in Berufungspastoral und ähnlichem verstärkt. Doch das Grundthema des hohen Altersschnitts (im Moment 73) und der vielen alten Gebäude kann durch Kooperationen und Projekte nicht vollständig aufgefangen werden: „Wir haben den Altersschnitt, dazu kommen in den letzten zwei Jahrzehnten noch einige Brüder, die wir aufgrund tragischer Todesfälle und leider auch Austritten viel zu früh verloren haben“, so der Provinzial. Momentan führen Bruder Erich und seine Räte daher mit allen Brüdern und Klostergemeinschaften Gespräche. Patentlösungen, so der Provinzial, gibt es keine. In der Vergangenheit habe man manches ausprobiert. Manche Lösungen haben funktioniert, andere nicht. Es gibt einige Klöster, die Altersgerecht hergerichtet sind und Kooperationen mit Seniorenheimen. So seien vor 10 Jahren mehrere ältere Brüder aus dem Kloster Ried im Innkreis zur Zufriedenheit aller nach Innsbruck übersiedelt. In manchen Standorten, wie zum Beispiel Bruneck wurden erfolgreich Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen gefunden, sodass Teile der Klöster abgegeben werden konnten. Andere Standorte wurden ganz abgegeben. „Mir ist es wichtig, dass ich auf die einzelnen Mitbrüder und die Situation im jeweiligen Kloster schaue!“ sagt Bruder Erich. „Ich bin optimistisch, wenn jeder seinen Teil beiträgt, werden wir einen guten Weg für alle finden.“



Eine spirituelle und finanzielle Herausforderung

Als wären es der Themen noch nicht genug, ist diese Gesamtsituation für den Orden spirituell und finanziell eine Herausforderung. So etwa, wenn es um die langfristige Sicherung der Altersversorgung geht. „Da müssen wir uns schon immer wieder die Frage stellen, was das denn mit unserem franziskanischen Armutsideal zu tun hat!“ Der Hintergrund ist, dass manche Kapuziner zwar Pensionen erhalten für Anstellungen, die sie einmal ausgeübt haben, sie aber nicht unter jeder Rücksicht ins staatliche Sozialsystem fallen. Der Orden ist für die soziale Absicherung und die Altersversorgung zuständig. Halten sich die Generationen die Waage, ist das kein Problem und die Einkommen der jungen Brüder sorgen für die Alterssicherung der älteren. Gibt es allerdings viel mehr ältere Brüder, muss vorgesorgt werden. „Das sind alles sehr weltliche Themen, an die man gar nicht denkt, wenn man so einen Orden anschaut. Was man mit Kapuzinern assoziiert, ist Seelsorge, Gebet, Stille. In vielen Regionen kennt man uns noch von Bettelgängen und durch unsere sozialen Aufgaben ... und das ist auch alles richtig. Aber damit es so bleibt,  müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Es kann nicht sein, dass eine Generation auf Kosten der anderen lebt – und irgendeine unversorgt zurückbleibt!“ meint Bruder Erich. „Mit der Situation der wenigen Berufungen sind die strukturellen Fragen akut geworden. Die Basis für die nächste Generation muss jetzt gelegt werden.“

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