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Zusammenhalt in der Krise: Soziale Dienste der Kapuziner

In den letzten Wochen hat sich die Arbeit für die fünf Sektionen der Sozialen Dienste der Kapuziner in Österreich, Bayern und Südtirol stark verändert. Viele stehen in der nächsten Zeit vor großen finanziellen Herausforderungen …

Zusammenhalt im slw Tirol: „Wir schaffen das!“

Um die Folgen des Coronavirus abfedern zu können, hat Tirol als erstes Bundesland in Österreich ab Mitte März sehr umfangreiche Verkehrsbeschränkungen beschlossen. Für die Sozialen Dienste der Kapuziner (kurz slw) in Tirol eine große Herausforderung, denn dadurch hat sich die Arbeit im gesamten slw deutlich verändert: Die Wohngemeinschaften der slw Jugendhilfe sind für junge Menschen da, wenn Familien an ihre Grenzen kommen. Durch den stark eingeschränkten Schulbetrieb bis Mitte Mai geben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den WGs rund um die Uhr ihren Schützlingen den Halt, Sicherheit und Zuversicht, die sie brauchen. Unterstützt werden sie dabei von Kolleginnen und Kollegen aus dem Kindergarten Elisabethinum Axams, der bis Mitte Mai genauso wie der slw Kindergarten Innsbruck im Notbetrieb geführt wird.
Unter dem Motto „Wir schaffen das“ ist der Zusammenhalt im slw über Einrichtungen hinweg deutlich spürbar. „Ich fühle mich seit dem ersten Tag als selbstverständlicher Teil des Teams. Und was mich besonders freut: Wir profitieren gegenseitig von diesem ‚Ausflug‘ in einen anderen Arbeitsbereich des slw. Ich kann meine Erfahrung als Sonderkindergarten-Pädagogin einfließen lassen und nehme auch viele neue Impulse für meine Arbeit im Kindergarten mit“, fasst eine Kollegin ihren Einsatz in der slw Jugendhilfe zusammen.

Zum Tiroler slw gehört auch die Schule des Elisabethinums in Axams: Sie stand von Mitte März bis Mitte Mai für Kinder mit und ohne Behinderungen offen, deren Eltern auch in Zeiten der Verkehrsbeschränkungen keine andere Betreuungsmöglichkeit hatten. Ab 18. Mai soll der Normalbetrieb in Österreichs Schulen wie der schrittweise beginnen; das gilt auch für die Schule des Elisabethinums. Zusätzlich war die Tagesbetreuung bzw. das Internat des Elisabethinums in den vergangenen Wochen rund um die Uhr für Kinder mit Behinderungen im Einsatz. Und im slw Innsbruck engagieren sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin dafür, dass Erwachsene mit Behinderungen einen möglichst selbstbestimmten Alltag leben können. Auch in Zeiten des lockdown hat das slw Innsbruck vollbetreutes Wohnen, Wohnen in Wohngemeinschaften, mobile Begleitung und tagesstrukturierende Leistungen angeboten. „Wir sind an allen Tagen im Jahr für Menschen mit Behinderungen da; daran hat auch Corona nichts geändert“, erzählt ein Mitarbeiter. „Wir sind sehr froh, dass wir bis jetzt unter unseren Klienten keine Infektionen mit covid-19 zu verzeichnen hatten. Denn viele Menschen mit Behinderungen gehören aufgrund ihrer Vorerkrankungen zu den Hochrisikogruppen. Hoffen wir, dass es weiterhin so bleibt.“

Vorarlberg/ Liechtenstein: Wichtiger Teil des Hilfe-Budgets fehlt heuer

Die slw Sektion Vorarlberg und Liechtenstein unterstützt Familien in finanzieller Notlage. Die Unterstützung erfolgt im Regelfall rasch und unbürokratisch, denn besonders Kinder leiden unter der finanziell angespannten Situation: Oft aus Scham trauen sich Eltern nicht um Zuschüsse für Strom-Rechnungen, warme Winterkleidung, Baby-Erstausstattung, einfachste Haushaltsausstattung oder Schulausflüge zu bitten. Stellvertretend für die Betroffenen können sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter aus Vorarlberg und Liechtenstein an das slw wenden, um für eine Unterstützung bis zu 400 Euro anzusuchen. So können pro Jahr etwa 150 Familien in Not wieder neue Hoffnung schöpfen.
Um die Corona-Pandemie einzudämmen, wurde der Schulbetrieb in ganz Österreich bis Mai eingestellt. Indirekt davon ist auch die slw Sektion Vorarlberg und Liechtenstein von dieser Maßnahme betroffen, weil der bereits traditionelle „Lauf gegen die Armut“ am 29. April 2020 nicht stattfinden konnte. Für jede gelaufene Runde der etwa 700 Schülerinnen und Schüler aus dem Schulbezirk Feldkirch werden Spenden gesammelt, die zu gleichen Teilen der Hilfsaktion der Vorarlberger Nachrichten „Ma hilft“ und dem slw in Vorarlberg zu Gute kommen – im Vorjahr waren das insgesamt 22.000 Euro.  
„Im März und April gab es relativ wenige Ansuchen um Unterstützung“, fasst Br. Engelbert Bacher zusammen, der die slw Sektion Vorarlberg und Liechtenstein leitet. Er führt das darauf zurück, dass vermutlich wegen der Corona-Maßnahmen auch viele Beratungsstellen in dieser Zeit geschlossen haben. „Ich befürchte jedoch, dass in den nächsten Wochen die Zahl der Ansuchen deutlich zunehmen wird, weil sich die finanzielle Situation durch Kündigungen und Kurzarbeit derzeit in vielen Familien dramatisch zuspitzt.“

Unterstützung für Mutter-Kind-Heim

Für einen Kindergarten in Wien kann man sich kaum eine schönere Lage vorstellen: Am Fuße des Naherholungsgebiets Lainzer Tiergarten am Wiener Stadtrand, ist seit über 30 Jahren der Kindergarten des SLW Wien in der Jagdschlossgasse zu Hause. Üblicherweise werden dort insgesamt 65 Kinder ab dem ersten Lebensjahr in drei Gruppen betreut. Selbstverständlich war das Haus in dieser Krisenzeit immer geöffnet, aber gemäß den Vorgaben der Bundesregierung blieben viele Kinder bei ihren Eltern zu Hause, so der Präses des SLW Wien, Br. Josef Kasperski: „Täglich nehmen zur Zeit bis zu sieben Kinder unser Angebot in Anspruch, aber auch wenn jetzt nicht so viele Kinder kommen, halten wir Kontakt zu den Eltern und unsere Pädagoginnen geben Unterstützung per Telefon und/oder E-Mail.“

Wien: Hilfe für Familien in Not

Darüber hinaus hat das SLW Wien noch eine zweite Aufgabe: „Unsere Vereinsmitglieder und Spenderinnen bzw. Spender helfen dabei, dass wir Familien in Not unterstützen können: Wir fördern damit die Arbeit von Kinderhilfswerken in und rund um Wien“, so Br. Josef Kasperski, der sich freut, dass in letzter Zeit mehr Menschen das SLW Wien mit Zuwendungen bedacht haben. Das SLW Wien hat daher vor Ostern das Mutter-Kind-Haus Immanuel mit einer größeren Spende unterstützt: Denn die vielen Kinder dürfen jetzt  nicht auf den Gängen spielen, sich gegenseitig besuchen oder in den Garten gehen. Dass die Kinder trotzdem gut in den kleinen Wohnungen beschäftigt sind, hat das Team vom SLW Wien Farbstifte, Malblöcke, Puzzle, Rätselblöcke und Spiele sowie ein kleines Präsent vom Osterhasen für sie organisiert.

Notbetrieb und Krisen-Betreuungsplätze in Bayern

Ähnlich zur Situation in Österreich gestaltet sich derzeit auch die Lage im SLW Altötting: Auch Bayern ist Schulschließungen und Ausgangsbeschränkung betroffen. Der Betrieb der Kindertagesstätten und Schulen läuft im Notbetrieb um Kinder betreuen zu können, deren Eltern in systemrelevanten Berufen, etwa in der Gesundheitsversorgung, Pflege oder bei der Polizei, beschäftigt sind. Die Ambulante Hilfe in der Erziehung und die Jugendhilfe-Wohngemeinschaften des SLW sowie die heilpädagogischen Tagesstätten werden weitergeführt.
SLW-Präses Br. Marinus Parzinger sorgt sich besonders um das Zusammenleben innerhalb von Familien: „Für viele Eltern ist die aktuelle Situation eine große Zerreißprobe: Mit der Unsicherheit darüber, wie es beruflich und auch finanziell in den kommenden Wochen weitergehen wird, steigt auch der emotionale Druck.“ Das Jugendamt Altötting befürchtet, dass instabile Familien diesen Herausforderungen nicht standhalten und es vermehrt zu Vernachlässigung und Gewalt innerhalb von Familien kommen könnte. Das Jugendamt ist daher in intensiven Verhandlungen mit dem Vorstand der Stiftung SLW und deren Einrichtungen in Marktl und Altötting: Da die bestehenden Inobhutnahme-Plätze im Landkreis aller Voraussicht nach nicht ausreichen, wird derzeit im Antoniushaus Marktl eine eigene Inobhutnahme-Gruppe mit fünf Plätzen für Mädchen und Jungen eingerichtet. Befristet für die Zeit der Krise wird sie bedarfsorientiert in Betrieb bleiben und dem Jugendamt Altötting für begründete Verdachtsfälle akuter Kindeswohlgefährdung als Belegmöglichkeit zur Verfügung stehen.

Meran: Nur kleiner Teil der Angebote geöffnet

Auch in Südtirol gelten die besonders strengen Vorschriften, die für alle Regionen Italiens beschlossen und erst vor kurzem etwas gelockert wurden. Für die Kapuzinerstiftung Liebeswerk in Meran bedeutet das konkret: „Das Liebeswerk ist wie ein ein kleines Dorf mitten in Meran mit verschiedenen Angeboten. Derzeit ist es allerdings sehr still in unseren verschiedenen Häusern, weil nur die Wohngemeinschaft für zwölf Kinder ab dem sechsten Lebensjahr weitergeführt wird. Außerdem begleiten wir auch weiterhin acht Jugendliche, die ihren Alltag überwiegend selbst organisieren“, so der Direktor der Stiftung, Alexander Santin.

Eine finanzielle Herausforderung!

Das Schülerheim am Gelände wurde bereits Anfang März geschlossen, kurz darauf auch alle Sportangebote, das Restaurant sowie die Mensa, die täglich für Schülerinnen und Schüler bzw. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Umgebung offen steht. Auch alle Veranstaltungen mussten abgesagt werden, die in den Räumlichkeiten des eigenen Seminarhauses geplant gewesen wären. „Damit stehen wir vor einer großen finanziellen Herausforderung“, bringt es Alexander Santin auf den Punkt.
Die Kinder der Wohngemeinschaft im Haus kommen übrigens mit der Situation soweit recht gut zurecht: „Sie können in ihrer Freizeit auch unser Sportzentrum mit Turnhalle und Schwimmbad nützen. Ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt für sie doch, denn durch die strengen Ausgangsbestimmungen konnten sie ihre Eltern nun nach fast sieben Wochen endlich wieder bei uns im Haus besuchen“, so Alexander Santin.
[07/05/20 slw]

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